Dr. Regina
Görner
Bischof Kettelers „ferne
Vision" - Neue Chancen
für
Mitarbeiterbeteiligung
Dr.
Regina Görner,
Geschäftsführendes
Vorstandsmitglied der IG Metall,
Mitglied des
CDA-Bundesvorstandes sowie des
CDU-Bundesvorstandes |
1864 hat sich der Mainzer Erzbischof
Wilhelm Emmanuel von Ketteler in seiner
maßgeblichen Schrift „Die Arbeiterfrage
und das Christentum" kritisch mit den
sogenannten „Produktivasso-ziationen"
auseinandergesetzt, bei denen „der
Arbeiter ... zu-gleich
Geschäftsunternehmer und Arbeiter" ist
„und daher einen doppelten Anteil an dem
Einkommen" habe, nämlich „den
Arbei-terlohn und seinen Anteil an dem
eigentlichen Geschäftsgewin-ne".
Bischof Ketteler kam zum Ergebnis, dass
die Produktivassozia-tionen „eine
herrliche Idee" seien, „ die unsere
Teilnahme und Unterstützung in
allerhöchstem Grade verdient". Das
Problem sei allerdings die „Beschaffung
der nötigen Kapitalien".
Reali-sierungsmöglichkeiten sah er nur
da, wo das Kapital „durch die
Anstrengungen der Arbeiter selbst"
gebildet werde. Das werde ein mühseliger
Prozess sein, der sich keinesfalls „wie
auf einmal und plötzlich und überall
verwirklichen werde", aber er sehe
„diese Verwirklichung wie von ferne und
hoffe, dass die Funda-mente hierzu von
christlichen Seelen bald hier, bald dort
in Angriff genommen werden." (W.E. von
Ketteler, Die Arbeiterfra-ge und das
Christentum, in: Texte zur katholischen
Soziallehre II/1, hg. v. Bundesverband
der KAB Deutschlands 1976, S. 116-217,
hier: 202-204)
Allzu viele
„christliche Seelen", die die Fundamente
hätten legen können, waren in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
nicht auszumachen. Aber seither war
Mitarbeiterbeteiligung ein The-ma der
Christlich-Sozialen und ist es
geblieben. Ketteler selbst hat den
Gedanken, dass die Arbeitnehmer zugleich
auch Eigen-tümer sein sollten, in seinem
späteren Wirken wegen
Aussichts-losigkeit letztlich nicht
weiter vorangetrieben, aber vielleicht
sind wir heute, am Beginn des 21.
Jahrhunderts, seiner fernen Vision
endlich näher gekommen.
Mitarbeiterbeteiligung ist mittlerweile
wieder Thema, gerade jetzt in der
Finanz- und Wirtschaftskrise. Und längst
geht es nicht mehr nur um ein bisschen
Sparförderung für Arbeitnehmer und ihre
Familien. Dass durch die „Anstrengungen
der Arbeiter" Kapital in den Unternehmen
eingesetzt werden kann, ist heute
keineswegs mehr die Ausnahme. Seit
Jahren schon retten die Arbeitnehmer in
vielen Betrieben ihre eigenen
Arbeitsplätze, indem sie auf
Lohnansprüche verzichten oder für das
gleiche Geld länger arbeiten. Allein im
Bereich der IGMetall wurden in den
letzten Jahren im Rahmen des sogenannten
„Pforzheim-Abkommens" wenigstens 1500
solcher Verabredungen als Ab-weichungen
von Tarifverträgen kodifiziert. Noch
größer dürfte die Zahl tarifwidriger
Lohnkürzungen sein.
Viele Milliarden Euro
Kapital sind auf diese Weise von den
Ar-beitnehmern in die Unternehmen
„investiert" worden - Erträge haben sie
davon allzu oft nicht davongetragen. Im
besten Falle gab es
Arbeitsplatzgarantien, Qualifikations-
und Investitions-zusagen, aber unsere
Kolleginnen und Kollegen mussten allzu
oft die Erfahrung machen, dass all ihre
Bereitschaft, ihr Geld in ihre Firma zu
stecken, nichts nützte - wenn
ausländische Inve-storen Standorte
geschlossen haben, wenn das Unternehmen
in Konkurs ging, war alles verloren. Da,
wo es gut ging, wurden die Gewinne aus
den Investitionen, die mit dem Verzicht
der Ar-beitnehmer erkauft worden waren,
allein dem Konto der Anteils-eigner
zugeschrieben. Die Arbeitnehmer gingen
bis auf ganz wenige Ausnahmen leer aus.
Jetzt, in der Finanz-
und Wirtschaftskrise heißt es wieder in
vie-len Unternehmen: „Die Beschäftigten
müssen zurückstecken und auf Lohn
verzichten, damit der Betrieb überleben
kann". Aber unsere Kollegen sind heute
nicht mehr bereit dazu allein gegen die
vage Zusage, dass es allen irgendwann
einmal wie-der besser gehen soll. Und
warum sollte der Beitrag der
Arbeit-nehmerinnen und Arbeitnehmer
eigentlich anders behandelt werden als
eine Finanzspritze, die von einem
auswärtigen Inve-stor kommt?! Der
riskiert womöglich sein Kapital, aber
dafür be-kommt er Erträge und Einfluss
auf die Unternehmenspolitik, der ihm
ermöglicht, selbst dazu beizutragen,
dass er sein Geld am Ende mit Gewinn
wiedersieht. Das und nichts anderes
wollen die Kolleginnen und Kollegen bei
Opel, Daimler oder Schaeffler heute
auch.
Mitarbeiterbeteiligungsmodelle für
krisengeschüttelte Unterneh-men werden
heute in vielen Metall- und
Elektrounternehmen diskutiert. Das war
vor einigen Jahr noch kaum vorstellbar.
Inve-stivlöhne als Bestandteil der
regulären Lohnpolitik hat die IGMe-tall
in der Vergangenheit immer abgelehnt.
Und das nicht ohne Grund: Niemand
erwartet, dass Investivlöhne das zur
Verfügung stehende Verteilungsvolumen
erhöhen würden; allenfalls die Aussicht
auf hohe Renditen in erfolgreichen
Phasen könnte ei-nen Anreiz für die
Beschäftigten liefern. Dafür müssten
Arbeit-nehmer aber die Einschränkung
ihrer Verfügungsmöglichkeiten über ihr
Einkommen hin- und zusätzliche Risiken
in Kauf neh-men. Aus Arbeitnehmersicht
spricht deshalb für Investivlöhne in
dieser Form nichts. Demgegenüber sind
Gewinnbeteiligungen, die in
Tarifverträgen oder
Betriebsvereinbarungen zugesagt sind,
eindeutig die bessere Lösung.
Vor allem aber
ergeben sich bei den bisher diskutierten
Model-len für Investivlöhne keinerlei
Einflussmöglichkeiten auf die
Un-ternehmenspolitik. Genau das aber
lehrt uns die Finanzkrise: Wir dürfen
die Unternehmenspolitik nicht der
Kapitalseite über-lassen. Bisher haben
wir unseren Einfluss vor allem über die
Mit-bestimmung auszuüben gesucht; aber
die Erfahrung gerade der letzten Monate
zeigt, dass die vorhandenen
Mitbestimmungs-möglichkeiten viel zu oft
nicht ausreichen, dem fatalen Einfluss
anonymer Finanzinvestoren etwas entgegen
zu setzen. Bessere
Mitbestimmungsregelungen sind deshalb
ein vorrangiges Ziel für die
Metallgewerkschaft in Deutschland.
Aber weil wir wissen,
wie langwierig es sein wird, wirkliche
Ver-besserungen bei der Mitbestimmung zu
erreichen, müssen kurz- bis
mittelfristige Alternativen her: Wir
wollen mitreden auf der Kapitalseite,
jedenfalls da, wo wir ohnehin unser Geld
in die Ret-tung von Unternehmen stecken
müssen. Nach den bisherigen Verfahren
wäre dieses Kapital ohnehin verloren -
das Risiko also maximal. Eine
Mitarbeiterbeteiligung wäre demgegenüber
immer das geringere Risiko und ein paar
Chancen sind damit auch noch verbunden.
Bisher haben sich
viele Arbeitgeber mit Händen und Füßen
ge-gen den Gedanken gewehrt, ihre
eigenen Arbeitnehmer könn-ten über
Kapitalanteile Einfluss auf die
Unternehmenspolitik erhalten. Das Geld
wollte man zwar gern nehmen, aber keine
Entscheidungskompetenzen dafür abgeben.
Unter den Entwick-lungen der letzten
Jahre hat sich hier etwas geändert:
Unter-nehmensleitungen erkennen, dass es
aus Sicht des Arbeitge-bers viel besser
sein kann, die Macht im Unternehmen mit
den eigenen Arbeitnehmern zu teilen, als
die Bedingungen externer Kapitalgeber
akzeptieren zu müssen. Externe
Investoren haben in aller Regel die
kurzfristige Rendite, nicht aber den
langfristi-gen Erfolg des Unternehmens
im Sinn. Dafür gibt es mittlerweile
zahllose Beispiele. Nicht nur mancher
Mittelständler versteht in-zwischen,
dass die Interessenlagen seiner
Beschäftigten seiner eigenen weitaus
ähnlicher sind als die anonymer
Finanzhaie und Bankenkonsortien. Deshalb
entwickelt sich auch bei den
Arbeit-gebern eine ganz neue Diskussion
zur Mitarbeiterbeteiligung, auch wenn
die Vorturner der Wirtschaftsverbände
das alles noch heftig bestreiten.
Vielleicht steht die
„ferne" Hoffnung Kettelers deshalb jetzt
doch vor der Verwirklichung. Und damit
könnte auch endlich das ethi-sche
Postulat der christlichen Soziallehre
umgesetzt werden, das in der
Vergangenheit so oft als utopisch
belächelt wurde: dass jeder „aufgrund
der eigenen Arbeit den vollen Anspruch
hat, sich zugleich als Miteigentümer der
großen Werkstätte zu betrachten, in der
er gemeinsam mit anderen arbeitet.", wie
es Johannes Paul II. in seiner Enzyklika
„Laborem exercens" formu-liert hat.
Deshalb heißt es in Ziffer 281 des
Kompendiums der Soziallehre der Kirche
von 2004 auch unmissverständlich: „Das
Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital
drückt sich auch in der Beteiligung der
Arbeiter am Eigentum, an seiner
Verwaltung und seinen Erträgen aus."
Mitarbeiterbeteiligung und Mitbestimmung
sind nämlich neben dem gerechten Lohn
nach der christlichen Soziallehre
unverzichtbare Bestandteile des Ertrages
der menschlichen Arbeit. Vielleicht ist
das die positive Seite der Krise: dass
solche Wahrheiten endlich wieder gehört
werden.
In diesem
Zusammenhang stellt sich mir noch eine
weitere Fra-ge, die auch gegenwärtig
wieder mehr an Bedeutung gewinnt: Wenn
die Öffentliche Hand Firmen
subventioniert, - sei es z.B. durch zur
Verfügung Stellen von Grundstücken,
durch Steuer-vorteile oder Projekt- oder
Forschungsförderung -, wird damit bisher
immer die Kapitalseite des Unternehmens
entlastet. Was spricht eigentlich
dagegen, diese Mittel den Beschäftigten
des Unternehmens zur Verfügung zu
stellen - natürlich gegen die
Verpflichtung, sie langfristig im
Unternehmen zu investieren? Es ist doch
kein Naturgesetz, dass davon nur die
Kapitalseite pro-fitiert! Hier könnte
der Staat einen Beitrag dazu leisten,
dass Vermögensbildung in
Arbeitnehmerhand nicht nur auf wenige
Ausnahmefälle beschränkt bleibt, in
denen sich „aus den An-strengungen der
Arbeiter selbst" heraus
Beteiligungsabspra-chen ergeben. |